Fotocredit: via Flickr von Lutz536
Nächste Woche findet in Leipzig wieder die alljährliche Buchmesse statt. Immer noch bin ich hin- und hergerissen, ob ich fahre oder nicht. Leider tendiere ich immer mehr dazu, dieses Jahr wieder nicht zu fahren. Andererseits denke ich mir, wenn Du jetzt nicht fährst, wann dann? Wann wirst Du Deine Geburtstadt dieses Jahr wieder besuchen? Wann willst Du dann einen Abstecher nach Delitzsch in Deine Heimat machen? Bis zum 01.08. ist es auch schon nicht mehr so lange.
Warum der 01.08.? Nun ja, am 01.08. vor 20 Jahren starb mein Vati und meine Mutti will das Grab nicht verlängern - mir läuft also die Zeit davon, noch einmal Abschied zu nehmen. Ich verstehe meine Mutti da sehr gut. Sie wohnt seit nun 10 Jahren in Hamburg, lebt ein neues Leben mit einem anderen Mann. Meine Oma und meine Tante sind beide über 80 Jahre alt und keiner kann sich unter aller Voraussicht die nächsten 20 Jahre darum kümmern. Im Gegensatz zu anderen ist es bei uns nicht üblich, irgendwelche Grabpfleger unsere Familiengräber anzuvertrauen. Das ist immer noch in liebevoller Familienhand. So hab ich es kennengelernt und darum werde ich es auch nie verstehen, warum man, wenn man in der gleichen Stadt lebt, sich nicht um ein Grab kümmern kann.
Nun gut, also nur noch bis August Zeit, trotzdem sträubt sich da irgend etwas in mir. Vielleicht will ich es nicht realisieren, dass es schon 20 Jahre sind. Die Zeit, die vergangen ist, ist viel zu schnell vergangen. Der Schmerz ist immer noch da, auch wenn die Trauer wich. Der Verlust eines Menschen, an den ich nur noch ein paar fixe Erinnerungen habe, der aber ein Fixpunkt in meinem Leben war, immer noch nicht verwunden.
Für mich kam es unerwartet, dass mein Vati starb. Von einem Tag auf den anderen - dabei waren alle Anzeichen klar zu erkennen, wenn man so im Nachhinein auf die Situation blickt. Doch als Kind sieht man solche Dinge nicht und das ist auch gut so. Mein Vati war ständig in Krankenhäusern und auf Kuren - und das mit Mitte Ende 40. Postkarten über Postkarten habe ich geschrieben bekommen, vielleicht ein Grund, warum ich Postkarten immer noch sammle und aufhebe. Mein Vati war schwer krank, herzkrank. Seinen dritter Hinterwandherzinfarkt sollte er leider nicht überleben. Hinterwandherzinfarkte sind tückisch, auf EKG nur für ausgemachte Kardiologie-Experten zu sehen. Er war 51, als er aus dem Leben schied - ich war 11. Es traf mich hart, aber einen Satz werde ich nie vergessen, der mich hätte warnen können. Begeistert war ich vom Jahr 2000 und erzählte in meiner euphorischen Art, wie toll es sein wird, das Millenium zu erleben und mein Vati meinte nur, dass er es wohl nicht erleben wird. Er wusste, dass ihm die Zeit weg lief und ich ignorierte es. Als Kind macht man sich darüber auch keine Gedanken. Da ist das schön, dass der eigenen Vater zu Hause ist - und es macht sich nicht die Spur einer Sorge breit, dass der eigene Vater mit 50 Invalidenrentner ist. Man findet das toll, mit der Bezugsperson, die einem so viel beibrachte, zu Hause ist, wenn man aus der Schule kommt.
Dies alles hat nicht viel mit der Buchmesse zu tun, aber der Umstand, dass diese Buchmesse vor den Toren der eigenen Kindheit stattfindet, wirft mich trotzdem einer inneren Zerrissenheit zum Fraß vor. Ich weiß noch nicht, wie ich mich entscheiden werde. Es ist ja auch so, dass Bücher nicht gerade zum Kerngebiet meiner Arbeit gehört und ich mir Urlaub nehmen muss und das alles wieder ein tieferes Loch in meine Finanzen reißen wird - auch wenn mir eine Couch im Herzen von Leipzig reserviert ist.